Lust auf Stadt. Bündnis 90/Die Grünen bei der Kommunalwahl Stuttgart 2009.

Sanierungsstau vs. Kreatives Lernen

Vor der Weihnachtspause ließ der vom Gemeinderat beauftragte Gutachter Drees & Sommer noch eine kleinere Bombe platzen. Die Grünen vermuten seit Jahren, dass es um die Bausubstanz der Stuttgarter Schulen nicht besonders gut steht, doch alles ist noch schlimmer. Das millionenschwere Sanierungspaket aus dem letzten Haushalt reicht nicht mal aus, um die schlimmsten Schäden zu beseitigen und neuesten Brandschutzbestimmungen umzusetzen. Und für die nächsten Jahre müssen weitere 133 Mio. Euro im laufenden und kommenden Haushalt her. Das Gesamtsanierungspaket wird die Stadt nach Drees & Sommer 345 Mio. Euro kosten.
Nicht eingerechnet in die bisherige Analyse sind Kosten für Neubauten oder wichtige Anbauten für Mensen, Labore oder Sporthallen. Dabei sind die Schulräume nicht nur ein Behälter in dem man morgens die Kinder abgibt und am Nachmittag wieder abholt. Die Schulräume und die Gestaltung der Lernumgebung sind der „Dritte Pädagoge“. Dies wird umso wichtiger, je mehr Zeit die Kinder mit der Umstellung auf die Ganztagsschule in der Schule verbringen. Schulen sind nicht mehr nur Lernräume, sondern Lebensräume.

Sicher, warm und trocken: Reicht das?

Wenn man nun bereits über einstürzende Decken und zugige Fenster spricht, lohnt es einen Schritt weiter zu denken. Wie muss der Raum Schule gestaltet werden, um modernen pädagogischen Konzepten auch ausreichend Platz zu geben? Können vielleicht auch unscheinbare Sanierungsarbeiten mit pädagogischen Ideen verknüpft werden? Um diese Themen zu diskutieren, luden die Stadträte Thekla Walker und Vittorio Lazaridis zur letzen Erdgeschoss-Diskussion im Jahr 2010 Sabine Wassmer vom Gesamtelternbeirat Stuttgart, Dr. Berthold Lannert, Rektor des Evangelischen Heidehof Gymnasiums und Prof. Frank Hausmann, Hochschullehrer und Spezialist für Schulbauten, ein. Der Architekt Prof. Hausmann stellt mit seiner Idee des „Offenen Klassenzimmers“ zukunftsweisende Ansätze für neue Schulen vor. Kinder und Lehrer verbringen heute bis zu 75% mehr Zeit in ihren Klassenzimmern. Das erfordert jedoch, dass die Klassenzimmer an dieses neue Zeitbudget angepasst werden. Gruppen- oder Stillarbeiten in kleineren Räumen müssen möglich sein. Die Umsetzung ist eine Herausforderung, aber möglich. So funktioniert etwa das von ihm geplante Heisenberggymnasiums in Karlsruhe ohne einen einzigen Flur. Stattdessen entstehen Bereiche für Gruppenarbeiten, Lerninseln zwischen Klassenzimmern bieten eine wohnliche Wohlfühlatmosphäre für die Stillarbeit auch über mehrere Klassen hinweg. Lehrerzimmer sind nicht länger abgeschottete Festungen, sondern in die Klassenstruktur integriert.

Schulklasse

Wollen Sie hier lernen?

Kinder wissen genau, was sie möchten

Diese Struktur haben die Architekten nicht am Reißbrett entworfen. Die Entwurfsplanung wurde in enger Zusammenarbeit mit Lehrern, Eltern und den Kindern gestemmt. Frau Wassmer betonte, man dürfe Kinder und ihre Wünsche an die Lernumgebung nicht unterschätzen. Wenn eine Klimaanlage gefordert wird, hat das meist einen Grund jenseits der Bequemlichkeit. Kinder hätten meist sehr konkrete und berechtigte Vorstellungen, wie ihre Schule auszusehen habe. Es lohnt sich für eine kurze Zeit wieder die Perspektive des Schülers einzunehmen, um die Schwierigkeiten von Hitze, Kälte oder unzureichenden sanitären Einrichtungen zu erfahren.
Wenn das Geld für Sanierungsmaßnahmen oder gar Umbauten zur Verfügung steht, sind die „Schulbaurichtlinien“ nach Meinung von Frank Hausmann nicht immer der beste Ratgeber. Gerade bei besonders rigoroser Auslegung verhindern sie moderne Pädagogikkonzepte. En Beispiel: dir Richtlinien sehen etwa aus Gründen des Brandschutz eine bestimmte Quadratmeterzahl für Flure vor. Aber was, wenn es gar keine Flure gibt? Die kreative Auslegung der Richtlinien steckt noch in den Kinderschuhen. Praktiker wie Berthold Lannert fordern berechtigt mehr Freiheiten in der Gestaltung der Räume. Es sei sinnvoller Umbaumaßnahmen mit einem Fixpreis zu deckeln und dann den Schulen die Neugestaltung zu überlassen. Dort weiß man am besten, was nötig ist.

Neckarrealschule

Ist der Schulhof der Neckarrealschule zeitgemäß?

Erst das Konzept, dann der Umbau

Die Prioritätenliste für die Sanierung der Schulen liegt nun auf dem Tisch – und bietet ein Bild des Grauens für alle, die davon überzeugt waren, dass „das schon irgendwie“ geht. Jetzt ist der Zeitpunkt, die bisher nebeneinander gedachten Konzepte von Sanierung, Raumplanung und Schulentwicklungsplanung miteinander zu verknüpfen. Wir wissen: mit der einmaligen Finanzierungsspritze im letzten Haushalt war es nicht getan. Die Stadt muss weiter in ihre Bausubstanz investieren, um Lernräume attraktiv zu gestalten und gleichzeitig das miserable Nettovermögen in der Haushaltsbilanz zu verbessern.
Gleichzeitig wissen Lehrer und Schüler am besten, welche Lernumgebung für sie die besten Voraussetzungen bietet. Viele Ideen liegen bisher in Schubladen – her damit!

Basisdebatten im Erdgeschoss