Lust auf Stadt. Bündnis 90/Die Grünen bei der Kommunalwahl Stuttgart 2009.

Qualifikation zum Besten der Stadt

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Schuster,
sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte,
sehr geehrter Stefan Palmer, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 75ten,
liebe Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus dem Sozialreferat und der ganzen Stadtverwaltung und der freien Träger,
sehr geehrte Damen und Herren,

Sie beweisen mit Ihrer Anwesenheit, dass die Entscheidung, wer als Bürger-meister/in die soziale Landschaft in Stuttgart gestaltet und leitet, große Bedeutung hat.

Ich habe an dieser Stelle schon manche Rede gehalten (gelungene und weniger gelungene). Das Werben in eigener Sache ist doch etwas besonders Ungewohntes.

Wenn meine Vorstellung etwas länger dauert, ist es dem Umstand geschuldet, dass dies hier die erste und einzige öffentliche Möglichkeit des Vergleichs der Bewerber ist. Es stehen ja nicht nur 2 Personen zur Wahl, sondern auch 2 un-terschiedliche soziale Konzepte. Die Zugehörigkeit zu einer Partei ist ja in der Regel kein Zufall, sondern Ergebnis einer politischen Grundeinstellung.

Lieber Herr Wölfle, ich verstehe Sie nicht, Sie haben doch jetzt als Fraktionsvorsitzender und Landtagsabgeordneter mehr Einfluss auf die Entwicklung dieser Stadt. Warum wollen Sie unbedingt Sozialbürgermeister werden?

Diese Frage, oft gestellt in den letzten Wochen, lässt sich eigentlich nur mit meiner eigenen Lebens- und Berufsbiographie beantworten.

In Konstanz (ist auch eine schöne Stadt am Bodensee) aufgewachsen, profitierte ich von der damaligen Stimmung, auch Kinder aus einfachen Verhältnissen (heute als bildungsfern tituliert) aufs Gymnasium zu schicken. Meine Eltern getrauten sich trotz Grundschulempfehlung.

Selber erlebt zu haben, was es bedeutet, eigentlich nicht dazu zu gehören, hat mir als Sozialarbeiter und Politiker bis heute geholfen. Geholfen, Menschen, die aus wirklich anderen Kulturen, auch sozial anderen Kulturen kommen, zu verstehen und den Zugang zu finden, um ihnen den Weg in unsere Gesellschaft zu erleichtern.

Als junger, diplomierter Sozialpädagoge in Albstadt-Ebingen im städtischen Jugendhaus habe ich gleich weitere Kulturschocks erlebt. Fast ausschließlich jugendliche Migranten bevölkerten das Jugendhaus. Freizeitpädagogik schön und gut, aber was angesagt war, war die Organisation von Sprach- und Integrationskursen. Und dies nicht nur für die Jugendlichen, sondern mit den Eltern. Das war Anfang der 80-er Jahre. Diese Kurse heißen heute bei uns: „Mama lernt Deutsch.“

Ich musste mich in die dortige Kommunalpolitik einmischen, um zu erreichen, dass diese Erwachsenenarbeit Bestandteil von Jugendarbeit sein muss, wenn sie erfolgreich sein will.

1982 wurde ich von der Stadt Stuttgart nach Stuttgart gelockt. Ich sollte für die Robert Bosch Stiftung ein Projekt leiten: „Integration im Stadtteil“. Ausländische Eltern durch Elternarbeit integrieren. Daraus ist das von mir eröffnete, bundesweit beachtete Haus 49 geworden. Der politische Lerneffekt aus dieser Stelle war, dass Projekte und Programme oft Jahre hinter der Realität her hinken.

Ein tragischer tödlicher Unfall einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin aus der Hausaufgabenhilfe führte mich in die Politik in Stuttgart. Wir gründeten eine Bürgerinitiative zur Verkehrsberuhigung der Nordbahnhofstraße. Aus der ehe-mals vierspurigen Straße ist inzwischen ein Fußgänger-Boulevard geworden.

Ich hatte schon sehr früh die Einschätzung, dass soziale Arbeit mehr leisten muss, als individuelle Hilfestellungen zu geben. Wenn das Soziale nachhaltig wirken soll, dann muss individuelle Unterstützung einhergehen mit strukturellen Veränderungen und Verbesserungen. Und dafür ist die Politik zuständig.

Ich kenne als langjähriger Leiter der Mobilen Jugendarbeit ganz Stuttgart, auch die schattigen, die nicht glänzenden Ecken und Viertel.

Habe als Schulsozialarbeiter gegen die Enttäuschungen, die unser bestehendes Schulsystem produziert, angekämpft – manchmal erfolgreich. Ich weiß um die Sorgen vieler Eltern um die Zukunftschancen ihrer Kinder. Sie wissen, dass sie mit ihrem eigenen Bildungsstand ihre Kinder nicht genug unterstützen können und sie auf gute Schulen und KITA´s angewiesen sind.

Ich habe lange mit Familien gearbeitet, in denen Kinder darauf angewiesen sind, dass öffentliche Fürsorge ihnen Chancen vermittelt, weil es die Eltern nicht können. Ich weiß, was es bedeutet, mit Hartz IV-Regelsätzen Kindern ei-nen Alltag mit möglichst wenigen Diskriminierungen zu ermöglichen.

Habe den Schlupfwinkel (Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche ohne Obdach) gegründet und selber dort gearbeitet. Ich darf Ihnen eine prägende Szene schildern: Eine der damals zahlreichen Ehrenamtlichen erklärte mir, warum sie für obdachlose Kinder und Jugendliche ihren Sonntag opferte: “Wissen Sie, ich habe in meinem Leben Glück gehabt. Meine Kinder gehen selbstbewusst und gesund durch die Welt. Ich möchte etwas von diesem Glück weiter geben.”
Dieses Glück hatte ich mit meinen Kindern auch.

Als verantwortlicher Sozialbürgermeister für individuelle Hilfestellung zu sorgen und auch noch für strukturelle Verbesserungen eintreten zu können, wäre für den politischen Sozialarbeiter Werner Wölfle die berufliche Erfüllung.

Sie sehen, ich habe dieses Metier von der Pike auf gelernt. Ist für einen Sozialbürgermeister keine Vorraussetzung, aber es schadet nicht.

Ich kenne die soziale Landschaft in Stuttgart von allen Seiten und Ebenen.
Ich kenne sie als handelnder Sozialarbeiter, und ich kenne sie als handelnder Politiker kommunal, regional und als Landespolitiker.

Ich kenne die soziale Landschaft in Stuttgart als langjähriger leitender Mitarbeiter eines Sozialunternehmens mit Finanz- und Personalverantwortung für über 100 Mitarbeiter.

Ich kenne die soziale Landschaft in Stuttgart als Stadtrat seit 15 Jahren.
15 Jahre, in denen ich mich neben vielen Initiativen in der Sozialpolitik um nahezu jedes Thema der Kommunalpolitik gekümmert habe und so einen wirklich umfassenden Blick in diese Stadt und in die städtische Verwaltung und ihre Fi-nanzen habe. Besonders das Soziale lebt von der Akzeptanz in den anderen Referaten und Ämtern. Es ist gut zu wissen, wo einen jemand unterstützen kann und will: Welcher Wohnungsbau schafft gute Nachbarschaft? Welcher Städtebau schafft soziale Integration und nicht Ausgrenzung usw.? Wie gestalte ich öffentliche Räume, dass sie von jung und alt genutzt werden? Wie organisieren wir nachbarschaftliche Unterstützung in unserer älter werdenden Gesellschaft?
Brennende Fragen, auf die es Antworten gibt. Wir müssen uns nur auf eine einigen.

Meine langjährige Erfahrung wird angesichts der finanziellen Situation unserer Stadt besonders nützlich sein. Ich habe gelernt zu unterscheiden zwischen so genannter Betroffenheitslyrik und nachvollziehbaren Wirkungsparametern.

Das Entwickeln von Erfolgs- und Wirkungsparameter wird eine sehr wichtige Aufgabe darstellen. Nicht jeder ausgegebene Euro ist ein guter Euro, das gilt auch im Sozialbereich. Die klassischen Verwendungsnachweise liefern jedenfalls den Nachweis nicht. Ich habe selber viele ausgefüllt. Sie sagen wenig über die Wirkung einer Maßnahme.

Wir haben in Stuttgart ein gutes soziales Netz. Es hat manche Lücken, aber auch manch doppelt genähten Faden. Ich zumindest habe Jahre gebraucht, um dieses Netz einigermaßen zu begreifen. Um Veränderungen vorzunehmen, und sind sie noch so behutsam, muss man das Netz und seine Akteure kennen.

Was sind die gewichtigsten Themen, die ich gerne angehen möchte?

Bildungschancen und die darauf aufbauenden beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten für alle Kinder zu verbessern, unabhängig vom finanziellen Hintergrund und Bildungsstatus der Eltern, ist eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre. Diese Aufgabe beginnt bereits weit vor dem Kindergarten.

Von der Umsetzung des Konzeptes „Frühe Hilfen“ für die Eltern, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind, und das werden leider immer mehr, erhoffe ich mir viel. Ich bin froh, dass wir in unserem Gesundheits-amt mit dem Kinder- und jugendärztlichen Dienst hervorragende Fach-kräfte haben, so dass wir interdisziplinär hoffentlich manche so genannte „Vererbungskette“ durchbrechen.

Wir haben in Stuttgart vieles begonnen. In den KITA´s mit Einstein oder den Schulen mit Bildungshäusern und pädagogischen Verbünden, mit Stadtteilarbeit usw. Aber wir haben noch zu viele Brüche und Köche, die ein gemeinsames Rezept noch suchen.

Die Kluft zwischen arm und reich nimmt weiter zu, auch wenn Armut in einer reichen Stadt wie Stuttgart nur auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Die Verfestigung oder die Vererbbarkeit von Armut lässt sich bei uns in Stuttgart auch bestimmten Stadtteilen zu ordnen. Der Sozialdatenatlas – ein hilfreiches Instrument – zeigt, wo verstärkte Anstrengungen nötig sind. Das bedeutet z.B. mehr Personal in Kinderbetreuungseinrichtungen, im Verhältnis zu anderen Stadtvierteln, ein Mehr an integrativer Elternarbeit. Erste Ansätze habe ich selber geliefert, mit der Idee zusätzliche Budgets für KITA´s einzuführen je nach Belastung nach dem Sozialdatenatlas. Dort mehr helfen, wo die eigenen Kräfte nicht mehr vorhanden sind und in Quartieren mit besserer Struktur eben weniger. Ist eine meiner Grundeinstellungen.

Ich würde gerne – gestärkt durch die eigene Biographie – versuchen, das Auseinanderdriften zwischen Vermögenden und Armen zu verlangsamen und die Klammer zu verstärken. Unsere Gesellschaft hat dann eine Zukunftschance, wenn diese Klammer der Solidarität funktioniert. Da können die Wachstumsraten in Asien noch so hoch sein, diesen Standortvorteil, um mal ökonomisch zu sprechen, dürfen wir nicht falschen Marktstrategen opfern.

Die Chancen und Risiken des demographischen Wandels in den kommenden Jahren zu sehen und zu nutzen, ist für mich eine der größten Herausforderungen in einer älter werdenden Gesellschaft, die wir nun mal sind. Zurück in die Stadt, sagen sich viele, wenn sie älter werden. Welche Wohnformen sind gewünscht und nötig, um möglichst lange in den eige-nen vier Wänden leben zu können? Wie sehen KITA´s der Zukunft aus, die gleichzeitig auch Begegnungsmöglichkeit für Omas und Opas darstellen und wie sehen die Altersheime und betreuten Wohnformen aus, in denen sich jung und alt begegnen bei Geburtstagsfesten und sonstigen Fa-milienfeiern. Wir reden in vielen Kreisen darüber, machen Arbeitskreise und Ausschüsse. Leisten uns Altenhilfeplanung und und und…
Taten und Ergebnisse lassen aber auf sich warten.

Die Integration unserer Stuttgarterinnen und Stuttgarter mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen – Eltern, Kinder und Jugendliche, aber auch zunehmend ältere Menschen – weiter zu fördern, sie sowohl als Aufgabe wie auch als Bereicherung zu begreifen, ist mir schon auf Grund meiner eigenen beruflichen Biographie eine Herzensangelegenheit. Die Zahl der Kinder aus so genannten Migranten-Familien auf dem Gymnasium zu verdoppeln und gleichzeitig die Zahl der Schulabbrecher und Förderschüler aus diesen Familien zu halbieren, wären doch schöne gemeinsame, handfeste Ziele.

Ein weiteres Feld der Integration, die Integration Behinderter in Regeleinrichtungen, genannt Inclusion, stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Eltern, Kinder, die Institutionen und die Kommune. Die Gefahr, dass das Land mal wieder „Empfehlungen“ ausspricht, für die dann finanziell die Kommune eintreten muss, ist groß. Augenmaß und pragmatische Lösungen, die im Einzelfall ganz unterschiedlich sein können, sind angezeigt.

Ein weiteres Feld, in dem Land und Stadt gemeinsam gefordert sind, ist die deutlich zunehmende Zahl von Menschen aller Altersgruppen mit psychiatrischem Krankheitsbild. Besorgniserregend die Zahl von erkrankten Jugendlichen, aber eben auch älterer Menschen. Auch hier schafft das nicht nur der sozialpsychiatrische Dienst mit seinen ohnehin beschränkten Ressourcen, da sind alle gefordert. Auch nicht nur die Kommune.

Ich möchte dazu beitragen, den Blick dafür zu schärfen, welchen Einfluss eine ganzheitliche Stadtgestaltung auf das soziale Miteinander hat, und wie dadurch auch präventiv Kosten gespart werden können.

In den letzten Jahren hat sich die Zahl von Projekten sprunghaft erhöht. Projekte sind sicherlich zur Erprobung notwendig. Der Fokus aber muss auf der Qualifizierung der Regeleinrichtungen sein.

Und wir müssen den Fokus auf die Attraktivität unserer Arbeitsplätze im Sozialen Bereich richten. Der Fachkräftemangel in diesem Bereich wird uns als Kommune noch drastisch treffen.

Das „Soziale“ wird durch alle Aktivitäten in dieser Stadt beeinflusst. Deshalb muss gerade das Sozialreferat sich durch konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem OB und allen Referaten auszeichnen. Dass dies möglich ist, möchte ich gerne unter Beweis stellen.

Nicht nur der OB und die anderen Bürgermeister gestalten die Stadt, sondern ganz wesentlich der Gemeinderat. Denkweise und Empfindsamkeit des Gremiums sind mir vertraut. Als langjähriges Mitglied habe ich mir oft gewünscht, andere Formen der Meinungsbildung, des gemeinsamen Nachdenkens mit der Verwaltung zu haben, als Vorlagen, auf die man lange wartet, innerhalb einer Woche zu kommentieren. Da liegt mehr Potential drin, liebe Stadtratskolleginnen und kollegen. Diese Wissens und Erfahrungsschätze würde ich gerne mit Ihnen gemeinsam heben.

Jetzt habe ich in den letzten Tagen lesen können, dass auf der Bürgermeisterbank frischer Wind nötig sei. Ich kann Ihnen versprechen: Frische bekommen Sie mit mir. Wind mach ich nicht so gerne, der versperrt oft die Sicht, wenn er Staub aufwirbelt, aber ich bin weiterhin ein Bündel an Energie, so wie Sie mich über die vielen Jahre kennen. Wir haben gemeinsam viele Sträusse ausgefochten, aber noch mehr Sträusse besonders im sozialen Bereich zusammen geflochten – alle Fraktionen zusammen: Von der Gestaltung der FamilienCard, den Bildungshäusern, dem Ausbau der Schulsozialarbeit und der frühen Hilfen.

Ja, hat denn der Wölfle genug Leitungserfahrung? wurde ich gefragt. Auf die Leitungserfahrung bei der Caritas als Leiter der Jugend- und Familienhilfe habe ich hingewiesen. Zu meinen 12 Jahren Fraktionsvorsitzender noch 2 Sätze.

Ich habe das Amt als Fraktionsvorsitzender 12 Jahre ausgefüllt. Das sind im-merhin drei Fraktionen – ohne größere Blessuren und ohne negative Schlagzeilen über die Arbeit als Fraktion.

Eine Fraktion zu führen ist etwas Besonderes. Einige von Ihnen werden mir da zustimmen. Führung muss man spüren, habe ich vor kurzem in einem Interview gesagt; das ist angesichts der Tatsache der jederzeitigen Abwählbarkeit keine leichte Aufgabe. Ich behaupte mal, hier liegt ein Indiz für eine gewisse integrative Fähigkeit.

Diese integrative Fähigkeit ist sicherlich notwendig, um die drei eigenen Ämter des Referats zur konstruktiven gemeinsamen Planung und Handlung zu motivieren und erst recht eben mit der gesamten anderen Verwaltung und Ihnen als Gemeinderat. Die zahllosen positiven Rückmeldungen von Mitarbeitern aus den Ämtern, aus der freien Wohlfahrtspflege geben mir Zuversicht. Sie trauen mir diese Aufgabe zu.

In meiner Zeit bei der Mobilen Jugendhilfe bin ich in der Fangelsbachstraße täg-lich an einem Fabrikgebäude über ein Mosaik im Fußboden gelaufen: „Fleiß bringt Preis.“
Oder, um es mit einem schon wieder aus der Mode gekommenen Meinungsmacher zu sagen: „Arbeit und Leistung muss sich wieder lohnen.“ In diesem Sinne wäre ich Ihnen dankbar Sie würden mir diese Aufgabe zutrauen. Ich liefere Ihnen mit großer Energie und Fleiß gerne den Leistungsnachweis.

Vielen Dank!

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