
Es ist erklärtes Ziel der grünen Gemeinderatsfraktion, die für die Innenstadt wichtige Tübinger Straße aufzuwerten und zu einem attraktiven Straßenraum zu gestalten. Für dieses Ziel soll von der Eberhardstraße bis zur Paulinenbrücke eine „gemischte Verkehrsfläche“, ein „shared space“, eingerichtet werden. Das Gerberviertel wird im Moment von großen Bautätigkeiten bestimmt. An der Paulinenbrücke laufen die Vorbereitungen für den Neubau des „Gerber“, am ehemaligen WGV-Gebäude klafft seit Monaten eine Baugrube, der Rupert-Mayer Platz wurde bereits aufgewertet, an der Querspange seit einigen Tagen gebaut.
Wenn die Tübinger Straße und seine attraktiven Geschäfte auch in Zukunft eine Überlebenschance haben möchte, muss sich der Straßenraum verändern. Da eine reine Fußgängerzone an dieser Stelle seit Jahren nicht die nötigen Mehrheiten findet, haben die Grünen das Konzept des „shared space“ ins Spiel gebracht. Diese Mischverkehrsfläche bietet die Vorteile einer Fußgängerzone, ohne den Verkehr vollkommen auszuschließen. Für eine Mischverkehrsfläche verschwinden die Parkplätze und damit die Autos von der Straße, Gastronomen haben mehr Freiflächen, Fußgänger können über die nun breite Straße flanieren. Der Verkehr wird nicht ausgeschlossen, doch haben alle Verkehrsteilnehmer gleiche Rechte und Pflichten. Das Gebot der Rücksicht charakterisiert den Umgang zwischen Fußgängern, Auto- und Radfahrern.
In Deutschland ist Duisburg das Vorbild für Mischverkehrsflächen. Um Impressionen aus der nordrhein-westfälischen Stadt zu erhalten, haben die Grünen Christoph Hölters, Abteilungsleiter für Stadtentwicklung nach Stuttgart eingeladen.
Duisburg ist ähnlich wie Stuttgart als autogerechte Stadt konzipiert. Mehrspurige Schneisen ziehen sich durch die Stadt und verhindern querenden Fußgängerverkehr, Freiflächen werden vom „heiligen Blechle“ bestimmt. Seit Jahren verliert Duisburg Einwohner. Um diesen Trend für die verbliebenen Bewohner erträglich zu machen und der Stadt neue Attraktivität zu verleihen, mussten die bestehenden Zentren dringend gestärkt werden. Die Umgestaltungspläne waren 2007 mit Bürgerbeteiligung für einen Zeithorizont ist 2020 ausgearbeitet. Doch es kam anders. Während die Stadt durch einen Sparkommissar verwaltet wurde, standen mit dem Konjunkturpaket II plötzlich zweistellige Millionenbeträge für die barrierefreie Umgestaltung der Innenstadt zur Verfügung. Innerhalb von einem Jahr musste dieses Geld ausgegeben werden.
Quelle: Präsentation von Christoph Hölters
Mischverkehrsflächen sind Ergebnis einer integrierten Planung, sie sind ein Instrument der Stadtentwicklung und dürfen nicht allein Verkehrsplanern überlassen werden. Die Einrichtung von Shared Spaces braucht auch einen Kulturwechsel in der Verkehrserziehung. „Gleichberechtigung“ ist das Schlagwort, denn Autofahrer die so langsam fahren, dass sie Fußgänger tatsächlich auch wahrnehmen, fahren automatisch noch vorsichtiger. Unfälle sind sehr selten. Mischverkehrsflächen vertragen bis zu 20.000 Fahrzeuge pro Tag, die Tübinger Straße hat bis heute nur 8.000 PkW. Bei der Planung ist es wichtig die Ausarbeitung der neuen Flächen mit den Anliegern zu prüfen und die Verkehrserziehung und neuen Verantwortungen jedes Einzelnen in Kindergärten und Altenheime, aber auch zu den Behindertenverbänden weiterzutragen. Die erstaunlichen Resultate im Verkehrsverhalten zeigt der folgende kurze Film von Christoph Hölters. Der Stuttgarter wird bei diesen Bildern ganz nervös!
Die Grünen wünschen sich für Stuttgart den gleichen Erfolg für das Konzept der Mischverkehrsfläche – und die Tübinger Straße macht den Anfang und hätte Modellcharakter. Auch andere Stadtteile sind bereits interessiert.