Lust auf Stadt. Bündnis 90/Die Grünen bei der Kommunalwahl Stuttgart 2009.

Natur zum Nulltarif

Wie geht es weiter mit der Artenvielfalt in der Stadt

Der Schutz der Artenvielfalt ist im UN-Jahr der Biodiversität 2010 in aller Munde. Hier in Deutschland wird das Problem gerne auf die Entwicklungsländer abgeschoben. Doch Tiere und Pflanzen sterben nicht nur in den Regenwäldern aus. Die ständige Expansion von Siedlungsraum und Wirtschaftsstandorten fordert von der Natur auch in Industrieländern einen Tribut. Zahlreiche Programme sollen das Artensterben aufhalten, doch der politische Wille zur aktiven Umsetzung fehlt. In der politischen Diskussion fehlt es bisher an der Einsicht, welche finanziellen Kosten der Verlust der Biodiversität langfristig bedeutet. Denn Dienstleistungen der Natur sind ein klarer ökonomischer Faktor. Würde die Bewertung von „grünen“ Indikatoren in das Bruttoinlandsprodukt eingerechnet würden, betrüge das wirtschaftliche Wachstum von China gleich Null. Die hochgeheizte Wirtschaft verbraucht im Fernen Osten die natürlichen Ressourcen und fügt der Umwelt erheblichen Schaden zu.

Um diese neuen Sichtweise auf unsere Umwelt näher zu beleuchten, lud die Grüne Gemeinderatsfraktion Dr. Heidi Wittmer vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig zu einem Erdgeschoss-Gespräch mit Stadträtin Thekla Walker ein. Dr. Wittmer ist auf deutscher Seite die Koordinatorin der TEEB- Studie, „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“.
Diese Studie bündelt die Ergebnisse von weltweit 300 Wissenschaftlern zur Wirtschaftsleistung der Natur und ist im Umwelt-Programm der Vereinten Nationen angesiedelt. Das Programm möchte beim Thema Artenvielfalt einen ähnlichen Prozess anstoßen, wie er bereits im Klimaschutz gelungen ist. Die Forschungsergebnisse und Handlungsanweisungen richten sich an Unternehmen, die internationale Verhandlungsebene aber an die lokale Ebene. Denn Umsetzung gelingt vor allem vor der eigenen Haustür.

Ökosystemdienstleistungen – der Wert der Natur

Die Leistungen der Natur sind überall und für uns so selbstverständlich, dass ihre Bedeutung nicht die angemessene Wertschätzung erhält. Ökosystemdienstleistungen umfassen alle Produkte und Leistungen der Natur, etwa die Nahrungsmittelherstellung und die Bereitstellung von Trinkwasser und der natürlichen Schutz vor Naturkatastrophen. Besonderer Wert hat die Natur als Erholungs- und Rückzugsraum für den Menschen. Für diese alltäglichen aber lebenswichtigen Prozesse mussten die Wissenschaftler nun ein Preisschild entwickeln. So entwickeln die 400.000 um Canberra gepflanzten Bäume durch ihre Leistung für das Stadtklima einen Wert von 20 bis 67 Mio. US-Dollar. Die Wälder um Peking leisten einen Gegenwert von jährlich 63 Mio. US-Dollar zur Wasseraufbereitung und sind dennoch sind von der Abholzung bedroht. Immobilienpreise steigen, je näher Gebäude an die Natur heranrücken. Wohnen in der Nähe von Parkanlagen ist in Berlin bis zu 40% teurer, als Wohnen mit Blick auf einen Parkplatz. Der Wert des Grüngürtels um das kanadische Toronto wird mit 2,5 Milliarden US Dollar berechnet.

Artenvielfalt in der Stadt

Da die Landwirtschaft insbesondere in den Industrieländern zunehmend aus wenig flora- und faunafreundlichen Monokulturen besteht, bilden Städte mit ihrer vielfältigen Bebauung und zahlreichen Grünstreifen, Parks und Vorgärten für viele Lebewesen einen wichtigen Lebensraum. Um diese Arten zu schützen müssen ihre Zahl und die bevorzugten ständig erhoben werden. Naturschutz kollidiert somit häufig mit Flächennutzungskonzepten und zieht den Kürzeren.

Rezepte für die lokale Arbeit

Für den lokalen Schutz der Artenvielfalt gibt es kein Patentrezept, das zu jeden Baum und jeden Park passt. Doch mit eine klaren Fragenraster kommt man weiter. Welche Dienstleistungen der Natur sind in Gefahr? Welche Dienstleistungen werden nicht genutzt? Wie schädigt die Nutzung durch Menschen das wichtige Naturkapital und welche Rahmenbedingung fördern diese Schädigung? Für die kommunale Ebene haben diese Fragen Einfluss auf Stadtmanagement, Raumplanung, Ländliche Entwicklung und Energiepolitik.
Das Preisschild an der Natur hilft, wenn es zu bewerten gilt, welche Politik einen höheren Nutzen statt Kosten bringt. Schädliche Subventionspolitik, mit der die Umwandlung von Wiesen in Gewerbeflächen gefördert wird, wird entlarvt und kann verhindert werden. Nackte wirtschaftliche Zahlen beweisen außerdem, wem eine Zerstörung von Umweltsystemen nutzt, wem sie schadet und welche Kompensationsmaßnahmen angemessen sind.

Die Stadt der zerschnittenen Räume
Die „autogerechten Stadt“ der 60er Jahre zerstörte in Stuttgarts das einst eher geschlossenes Stadtbild durch breite Straßenzüge. Diese Schneisen können Lebewesen, auch Menschen, nur eingeschränkt überqueren. Für das Stadtbild besonders einflussreich sind die Topograhie mit den Hanglagen und die starke Verbreitung der Wälder. Sie stehen auch im Mittelpunkt des Umweltschutzes in der Stadt: der Weinbau in den Hanglagen, die Streuobstwiesen in den Randbezirken und der Totholz-Erhalt sind laut Renate Kübler vom Stuttgarter Umweltamt zentral
6, 6% der Stuttgarter Fläche steht unter Naturschutz – für eine Großstadt im Ballungsraum nicht gerade wenig. Besondere Verantwortung hat die Stadt für den Schutz des Wendehalses und des bekannte Juchtenkäfers. Biotopkartierungen sollen die Verbreitung der zu schützenden Arten belegen, werden jedoch nur alle 10 Jahre durchgeführt. Nur wenn diese Karten aktuell sind kann tatsächlich Überwachung und Schutz von Arten ermöglicht werden.
Konkrete Artenschutzmaßnahme ist die Vernetzung von Biotopen durch Grünstreifen. Auf jeder begrünten Verkehrsinsel entstehen eigenen Lebenswelten. Die wichtigen Weinberge werden so begrünt, dass das Spritzen der Früchte nicht mehr notwendig ist, Insekten die Grünstreifen bevölkern und das Ganze für den Spaziergänger attraktiv aussieht. Doch vieler dieser Maßnahmen, etwa auch die bekannt Amphibienrettung an befahrenen Straßen ist nur mit einer Heerschar von Ehrenamtlichen möglich.

Talkessel

Der Stuttgarter Talkessel mit seinen Hanglagen.

Das Preisschild als letzter Ausweg

Die Bundesrepublik Deutschland brauchte 25 Jahre für die Verabschiedung einer nationalen Biodiversitäts-Richtlinie, Baden-Württemberg hat Schwierigkeiten die verbindlichen EU-Richtlinien umzusetzen. Bei dieser politischen Sachlage ist ein Preisschild für den Umweltschutz die letzte strategische Option, um dem Thema endlich einen angemessenen Stellenwert zu geben und in der Zukunft bessere Entscheidungen zu treffen. Die Zahlen werden von vielen Seiten wissbegierig aufgenommen, allerdings ist damit noch keine einzige Art tatsächlich gerettet. Eine Veränderung der Wahrnehmung von Naturschutz ist die Hoffnung vieler Umweltschützer. Das Umweltamt und die Grünen haben auch bereits ganz konkrete Ideen wo Artenvielfalt in Stuttgart weiter als bisher gefördert werden könnte. Die Agrarwirtschaft müsse zunehmend auf Ökolandbau umgestellt werden, da so die Biodiversität gefördert wird. Weitgehender ist der Vorschlag die Bewirtschaftung der Wälder schrittweise aufzugeben und damit den Naherholungswert über deren Bedeutung als Wirtschaftsfaktor zu stellen.

Little Things- Mofilm Winner 1st Prize from teeb4me on Vimeo.

Basisdebatten im Erdgeschoss