Lust auf Stadt. Bündnis 90/Die Grünen bei der Kommunalwahl Stuttgart 2009.

Energiewende in Stuttgart - Ohne Strom aus Neckarwestheim

Einführung: Jochen Stopper (Jochen Stopper)
Energieeinsparung, Energieeffizienz, der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Ausstieg aus der Atomenergie sind die zentralen Bestandteile des grünen Energiekonzepts. Welche Rahmenbedingungen müssen hierfür geschaffen, welche Weichenstellungen vorgenommen werden? Welche Schlussfolgerungen sind beispielsweise auf lokaler Ebene zu ziehen? Neuerdings ist auch zu fragen, welche Auswirkungen die von Schwarz-Gelb in Bund und Land geführte Diskussion über den Ausstieg aus dem Atomausstieg hat? Wie würde sich eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten auf die Entwicklung der erneuerbaren Energien auswirken?
Die Bedeutung dieser Fragestellungen liegt auf der Hand: Der Kampf gegen den Klimawandel aber auch der Umgang mit seinen Auswirkungen, das leider wieder ungewisse Ende von Uraltreaktoren wie Neckarwestheim I und die aktuelle Diskussion um die Neugründung Stuttgarter Stadtwerke sind ebenso brisante wie kontroverse Themen der aktuellen politischen Debatte in Stuttgart.
Wir Grünen im Rathaus streben Lösungen an, die Stuttgart einerseits von der Marktmacht atomstromproduzierender Energiemonopolisten unabhängig machen, andererseits aber auch eine aktive Rolle im Kampf um Klimaschutz und Energiewende ermöglichen.

Blume mit Solarpanel

Vortrag: Rainer Baake
Zu diesen Themen gab Rainer Baake, seit 2006 Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, „Manager der Energiewende“ unter Rot-Grün und Vordenker vieler grüner Projekte im Bereich Energie-, Klima- und Umweltpolitik, in einem spannenden Vortrag ausführlich Auskunft.

Der Klimawandel und die Energiewende
Die Unterscheidung in Pessimisten und Optimisten gibt es auch bei denjenigen, die seit Jahrzehnten zum anthropozänen Faktor im Klimawandel forschen. Leider bestätigte der letzte Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) 2007, dass mal wieder die Pessimisten Recht behalten sollten. Die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf +2°C ist mit enormen Kraftanstrengungen verbunden. Mit jedem weiteren Grad wird jedoch ein irreversibler Prozess in Gang gesetzt, der in den nächsten 1.000 Jahren nicht rückgängig gemacht werden kann. Ausgewiesene Empfehlung der Experten ist die Halbierung der Treibhausgase und die Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen um 95 Prozent bis 2050. Dieses Ziel ist machbar – allerdings nur, wenn viele Bereiche unseres täglichen Lebens schnell und massiv umgebaut werden.
Haushalte können ihre CO2-Bilanz durch Verbesserung der Wärmedämmung, intelligentere Geräte und effektivere Heizungen optimieren. Auch das Passivhaus wurde nicht erst gestern erfunden, eine aktive Förderung oder offensive Modellprojekte im öffentlichen Raum sucht man dennoch vergebens. Im Bereich Verkehr ist eine vollständige De-Karbonisierung nicht umzusetzen, Versuche mit Biosprit führten sogar zu noch höheren Emissionen. Optimierungspotential gibt es aber auch hier und mit dem Elektromotor auch eine echte Alternative. Größtes Einsparungspotential hat jedoch die Energiewirtschaft. Die Frage ist nur: wo und wie? Denn eine ideale Stromerzeugung gibt es nicht.

Baake Potential Einsparung

aus Rainer Baake: Warum Erneuerbare Energien und Atomkraftwerke nicht zusammen passen, 2010.

Der Königsweg und seine Hindernisse
Zentraler Bestandteil aller Bemühungen im Klimaschutz ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien (EE). Maximal 4 Prozent seien möglich – so die Voraussage der vier Energieriesen E.ON; RWE, Vattenfall und EnBW zum Anteil der EE an der deutschen Stromerzeugung. Weit gefehlt: Bereits heute beträgt der Anteil 16 Prozent, Tendenz steigend. Die Förderung des Ausbaus der EE ist nicht mehr nur ein grünes Thema, sondern anerkannter Konsens über alle Fraktionen hinweg. So werden die Ziele des Erneuerbaren Energie Gesetzes (EEG) von 36 Prozent Anteil an der Stromgewinnung bis 2020 wahrscheinlich übertroffen. Branchenprognosen gehen bereits von 47 Prozent aus. Solaranlagen auf dem eigenen Dach werden sich in Zukunft bald von selbst rechnen, da jeder Haushalt im Grunde seinen eigenen Strom produziert.
Diese Entwicklung erfordert einen massiven Umbau im Stromerzeugungsnetz. Bisher wurde die Grundlast des Strombedarfs durch Atomkraftwerke und der Verbrennung fossiler Brennstoffe geleistet. Das EEG zementiert jedoch den Vorrang der Erneuerbaren in der Energieeinspeisung. Damit wird bereits heute mit den Kapazitäten der modernen Energiegewinnung die Grundlast per Gesetz durch Erneuerbare Energien geleistet. Der Strom aus Atomkraftwerken muss gelegentlich ins Ausland verkauft werden. Die Nutzung auf halber Last oder das regelmäßige Aus- und Abschalten ist nicht zu empfehlen – so erhöht sich die Anfälligkeit durch Störfälle.

Der Wechsel hat bereits stattgefunden
Dieser Grundkonflikt in der Stromversorgung ist bereits auf den Strommärkten sichtbar. An einem Sonntag im September 2009, einem Tag mit geringem Energieverbrauch, konnte dieser Bedarf bereits vollständig durch EE gedeckt werden. Da Atommeiler und Braunkohlekraftwerke jedoch nicht einfach ausgeschaltet werden können, produzierten sie fleißig überschüssige Energie. Die Stromkonzerne sahen sich gezwungen, diese Kontingente für viel Geld an der Strombörse in Leipzig zu verramschen und zahlten bis zu 500 EUR pro MWh, um ihre Überschüsse loszuwerden. Das Beispiel zeigt: Die Konkurrenz zwischen EE und konventionellem Kraftwerkspark bringt hohe finanzielle Lasten für die Energieriesen. Es wird Zeit zum Umdenken.

Baake Nachfrage EE

aus Rainer Baake: Warum Erneuerbare Energien und Atomkraftwerke nicht zusammenpassen, 2010.

Falsche und richtige Brücken in die Energiezukunft
Der bestehende Kraftwerkspark ist zu unflexibel, um mit dieser neuen Entwicklung mitzuhalten. Atomenergie hat sich durch die mit ihr einhergehenden Risiken, die ungelöste Endlagerfrage und die technologische Entwicklung der letzten Jahre überflüssig gemacht. Selbst wenn diese Stromproduzenten wie im Atomausstiegsgesetz vorgesehen abgeschaltet werden, wird es noch Überschüsse geben. Auch fossile Brennstoffe wie Kohle und Öl müssten dann nur noch bei Hoch- oder Spitzenlasten hinzugeschaltet werden. Ihr Ausbau, wie jetzt auch wieder gerne gefordert, birgt deshalb kein Lösungspotential.
Für eine erfolgreiche Energiewende, hin zu einem klimafreundlichen Energiemix, müssen einige Voraussetzungen geschaffen werden. Gaskraftwerke bieten flexiblere Möglichkeiten der Energiegewinnung. Doch um den Strom von A nach B zu bringen, haben die Netze noch zu geringe Übertragungskapazitäten. Die technischen Möglichkeiten zur Optimierung bestehen jedoch bereits. Dringend müssen diese Netze außerdem erweitert und mit Stromspeichern gekoppelt werden.
Unterstützenswert sind Initiativen wie die von „Lichtblick“. In Kooperation mit dem Automobilhersteller Volkswagen wird der Einbau von Kleinkraftwerken in Haushalten vorangetrieben. Diese Kleinanlagen werden über das Internet zentral gesteuert und so als Schwarm kleiner Anlagen zu einem virtuellen Großkraftwerk zusammengeschaltet.

Dezentrale Energiegewinnung und regionale Autonomiebestrebungen sind eine Möglichkeit – werden aber der Dramatik und den Anforderungen des Klimawandels nicht gerecht. Dringend notwendig ist deshalb auch der Bau von großen Offshore-Windparks und der Aufbau eines europäischen Leitungsverbundes kombiniert mit Stromspeichern. Bisher sind unsere Stromnetze noch zu „dumm“ für die flexible Anpassung des jeweiligen Angebots an regenerativen Energien an die Nachfrage, sie müssten erst zu einem „intelligenten Netz“ umgerüstet werden. Strom aus der Biscaya und dann in der nächsten Stunde aus der Nordsee ist dann keine Zukunftsmusik mehr.
Jede Laufzeitverlängerung und jeder Zubau eines Kohlekraftwerks ist dabei eine Gefahr für den weiteren Ausbau der EE und des benötigten Stromnetzes. Windparks werden sonst nicht zu ernsthaften Alternativen, sondern zur netten Zusatzversorgung. Die Position der großen vier wird so nur auf Jahre gestärkt und der offene Wettbewerb unter Beteiligung kleinerer, regionaler Erzeuger und kommunaler Stadtwerke untergraben.

Und in Stuttgart?
Wie könnte eine Strategie für die Stadt Stuttgart aussehen? Zugegeben, der politisch direkt beeinflussbare städtische Anteil am Gesamtenergieverbrauch Stuttgarts ist denkbar gering, dennoch könnte hier ein starkes Zeichen gesetzt werden. Zuerst müsste der Energieverbrauch der Stadt bilanziert werden, hierunter fallen Gebäude, Fahrzeuge und Geräte. Daraufhin folgt die Strategieentwicklung, die drei Elemente beinhalten muss: Einsparung von Emissionen, Substitution durch verbesserte Technologien und Kompensation für verfehlte Einsparungen. Denn erst wenn der Stadtkämmerer für überzählige CO2-Emissionen monetär aufkommen muss, wird die Strategie auch mit dem nötigen Druck umgesetzt.

Bekannte und neue Gesichter fanden den Weg ins „Erdgeschoss“. In ungezwungener Atmosphäre diskutierten die Teilnehmer auf hohem fachlichem Niveau mit dem Experten Rainer Baake.

Hier finden Sie den Vortrag von Rainer Baake.

Basisdebatten im Erdgeschoss K21 – ja zum Kopfbahnhof Energiewende flott voranbringen