
In der Antwort auf den gemeinsamen Antrag der GRÜNEN und SÖS/Linke “Was kostet die ‘städtebauliche Chance’?” wird ein weiteres Mal seitens der Verwaltung der Versuch unternommen, die Grundstücksgeschäfte bei Stutt-gart 21 durch die Entwicklung eines neuen Stadtquartiers zu begründen. Der genaue Blick auf die Zahlen legt jedoch nahe, dass andere Interessen maß-geblich sein müssen.
Der durchschnittliche Wert der Grundstücke auf dem A2-, A3-, B- und C-Gelände, dem Gelände der angeblichen ‘städtebaulichen Chance’, liegt bei annähernd 1.000 EUR / m² – der Spitzenwert sogar bei über 3.000 EUR / m². Und zwar für unerschlossenes Bauland und ohne Abzug der Erschließungs- und Freiflächen. Erschlossen dürften die Grundstücke dann eines Tages bei annähernd 1.600 EUR / m² liegen, wenn man den Kaufpreis refinanzieren will. Peter Pätzold, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stuttgarter Gemein-derat: “Familienfreundliches, bezahlbares Wohnen ist angesichts dieser Grundstückspreise nie und nimmer zu realisieren.“
Die Stadtverwaltung versucht, diese Tatsache zu verschleiern. Sie führt einen durchschnittlichen Wert von 361 EUR / m² an, der sich jedoch nur durch zwei “Rechentricks” ergibt:
Zum einen wird in die Berechnung des durchschnittlichen Wertes das Gebiet D, die Gäubahntrasse zwischen Heilbronner Straße und S-Bahn-Station Österfeld, mit aufgenommen. Dessen günstiger Kaufpreis senkt den Durch-schnitt enorm. Spätestens nachdem in der Schlichtung nachgewiesen wurde, dass die Gäubahnstrecke für einen reibungslosen Bahnverkehr unverzichtbar ist, steht zudem die Rückabwicklung des Kaufs der Fläche D auf der Tages-ordnung.
Zum anderen bezieht sich die Stadt auf die im Jahr 2001 bezahlten Preise und übergeht, dass der damals bezahlte Kaufpreis nicht ohne Grund abge-zinst war: Seit mittlerweile über zehn Jahren hat diese Investition keine Früchte getragen. Der Kaufpreis, im Jahr 2001 angelegt zu den Konditionen der Spezialfonds der Stadt, hätte seither Hunderte von Millionen Zinseinnah-men beschert. Der wirkliche Kaufpreis für die Grundstücke liegt heute nicht bei 424 Mio. EUR sondern bei 805 Mio. EUR. Der Kauf der Grundstücke hat die Stadt somit bis heute 805 Mio. EUR gekostet.
Als Vergleichswert für Grundstückskosten verweisen die Grünen auf den Ne-ckarpark. Die Grundstücke auf dem Alten Güterbahnhof Bad Cannstatt wur-den, im Rahmen der erfolglosen Olympiabewerbung, von der Stadt ebenfalls überteuert aufgekauft. Heute liegen die Grundstückskosten bei 430 EUR/m² – und zwar erschlossen.
Pätzold: “Angesichts der extrem hohen Grundstückskosten wird über kurz oder lang ein Vermarktungsdruck entstehen. Dabei werden dann angebliche Sachzwänge dazu führen, dass die hochtrabenden Pläne für ein familien- und kinderfreundliches Stadtquartier oder andere Ergebnisse einer Bürgerbeteili-gung nicht umgesetzt werden.” Schon heute wolle der OB, Bürgerbeteiligung hin oder her, die Duale Hochschule im C-Gebiet unterbringen. Und auch im Neckarpark wurde trotz aller Planungen immer wieder ein großes Möbelhaus ins Gespräch gebracht – weil dieses natürlich einen höheren Grundstücks-preis bezahlen würde.
Zwar würde K21 ca. 32 ha weniger frei werdende Fläche ermöglichen – die Grundstückspreise könnten jedoch wesentlich niedriger liegen und wären zudem bei Verzicht auf Stuttgart 21 schnell und nicht erst in 10 Jahren ver-fügbar.
Alleine der neue “Straßburger Platz” auf dem Dach des geplanten Tiefbahn-hofs würde die Stadt 29 Mio. EUR kosten. Ein Platz, der auf der Schattensei-te des Bonatzgebäudes liegt und dessen Fläche eh schon durch die Lichtau-gen um 20 Prozent verkleinert wird. Die Stadt hätte hier 20 Prozent Luft zu 5,8 Mio. EUR gekauft. Pätzold: “Schilda lässt hier grüßen. Die wahre ‘städte-bauliche Chance’ bietet K21”.
Peter Pätzold