Lust auf Stadt. Bündnis 90/Die Grünen bei der Kommunalwahl Stuttgart 2009.
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08.09.2010

Bildung als Standortfaktor?

Das klappt nur mit einem schlüssigen Konzept
Pressemitteilung

Unter dem Motto Bildungsstadt Stuttgart – Welche Strukturen braucht die Zukunft? – findet heute eine Podiumsdiskussion statt, zu der die Bildungsbürgermeisterin Frau Dr. Eisenmann eingeladen hat.
Diskussionsthema wird vor allem die Entwicklung auf dem Güterbahnhofareal in Bad Cannstatt sein. In diesem Zusammenhang gibt es in Stuttgart schon seit längerem Überlegungen zu einem Modellprojekt „Bildung als Standortfaktor“. Speziell konzipierte Bildungs- und Betreuungsangebote in einem Stadtteil mit hohem Migrantenanteil sollen dazu führen, dass in einem neu entstehenden Quartier durch qualitätvollen Wohnungsbau und eben durch ein innovatives Bildungszentrum vor allem bildungsnahe Familien angesiedelt werden können. Bildung wird sozusagen als Motor der Quartiersentwicklung angesehen.
Soweit so gut. Dass Bildung ein entscheidender Standortfaktor sein kann, dies gilt natürlich nicht nur für den Neckarpark und es wurde höchste Zeit, dass die Erkenntnis, dass Bildungsangebot und Stadtentwicklung zusammengehören, endlich auch in Stuttgart Einzug hält. Klar ist, dass es gerade in Bad Cannstatt kein Selbstläufer sein wird. Eine gute Schule ist mit Sicherheit noch keine Garantie dafür, dass man ein attraktives Publikum für einen bislang benachteiligten Stadtteil gewinnen kann, aber sicher ist, dass ohne attraktive Bildungsangebote keinerlei Chancen darauf bestehen. Es kommt also in jedem Fall darauf an, ein schlüssiges Bildungskonzept zu entwickeln.
Was haben die Planungen bisher gebracht?:
Es soll ein pädagogischer Verbund entstehen, in dem Kinder von 0 – 10 Jahren betreut und beschult werden können. Außerdem soll die Schule, die als Ganztagesschule konzipiert wird mit außerschulischen Partnern, zum Beispiel mit Sportvereinen, dem Olympiastützpunkt, dem Stadtarchiv und der Volkshochschule kooperieren und im Gemeinwesen verankert sein.
Darüber hinaus soll es in der Schule ein inklusives pädagogisches Angebot geben, das heißt, behinderte und nicht behinderte Kinder sollen gemeinsam lernen können.
Diese Aspekte allein sind keine innovativen pädagogischen Ansätze. Gemeinwesenorientierung ist für eine moderne Schule eine Selbstverständlichkeit und eine inklusive Ausrichtung, die wir als Grüne sehr begrüßen, wird in Zukunft auch für andere Schulstandorte eine Selbstverständlichkeit werden. Interessanterweise sollen die Schülerinnen und Schüler nach dem Willen der Bildungsbürgermeisterin Frau Dr. Eisenmann in einer Art Orientierungsstufe bis zur 6. Klasse gemeinsam beschult werden.
Diese Überlegungen sind unserer Meinung nach nicht sinnvoll. Es gibt nämlich keine pädagogisch tragfähigen Anschlusslösungen für Schülerinnen und Schüler nach der 6. Klasse. Wir können uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass gerade leistungsstarke Schüler diese Orientierungsstufe als Sprungbrett ins Gymnasium nutzen können. Zum einen stellt der frühe Fremdsprachenbeginn am Gymnasium eine fast überwindliche Hürde dar und zum anderen werden Eltern immer danach trachten, wenn sie denn schon die Schule wechseln müssen, dies dann auch systemkonform, also nach der 4. Klasse zu tun.
Ähnlich sieht es aus, wenn man die Schule als Werkrealschule konzipieren würde. Nach Klasse 6 ist der Weg zu Ende, ein Einstieg in eine andere Schule Pflicht und warum soll man als Eltern den mühsamen Quereinstieg dann wählen.
Besser wäre es, gemeinsames Lernen bis mindestens Klasse 10 zu planen. Idealerweise wäre es sogar noch besser, ein durchgängiges Schulkonzept zu haben, in dem alle Bildungsabschlüsse von der Hauptschule bis zum Abitur möglich wären. Dann hätten wir eine echte Stadtteilschule und einen innovativen Schulversuch, der diesen Namen verdient und der Menschen dazu bringen könnte, sich ganz bewusst für ein Leben und Wohnen in einem Stadtteil zu entscheiden, weil es dort dann tatsächlich eine andere, vielleicht eine bessere Schule gibt.
Man kann also zusammenfassend feststellen, dass das Herzstück der Eisenmann’schen Überlegungen, zur Bildung als Standortfaktor für die Stadtentwicklung im Neckarpark, nämlich das pädagogische Konzept, nicht dazu geeignet ist, dem Anspruch zu genügen, so attraktiv und innovativ zu sein, um Familien mit einem hohen Bildungsanspruch für das Wohnen in diesem Quartier zu gewinnen.
Zudem greift die Konzeption zu kurz: Im Neckarpark besteht die Gelegenheit, zu beweisen, ob es mit der “grünen Stadt” ernst gemeint wird. Dort bietet sich die Chance, ein Quartier modellhaft zu entwickeln, in dem ein Bildungszentrum selbstverständlich ein wichtiger Baustein darstellt.
Gut geplant, bringt das „Neue Wohnen in der Stadt“ neue Urbanität, neuen Schwung in die Stadtviertel. Durch vielfältige Nutzungen entstehen neue Formen des Miteinanders von Wohnen und Arbeiten, Bildung und Freizeit. Durch attraktive Wohnkonzepte für junge Familien, durch Miet- und Eigentumswohnungen im Rahmen des geförderten Wohnungsbaus, durch Stadthäuser werden die Grundlagen für eine ausgewogene Sozialstruktur geschaffen
Wenn aber dem Wohnen im Quartier nicht eindeutiger Vorrang eingeräumt wird, wenn Hotelansiedlungen bevorzugt werden, dann kann auch ein noch so innovatives Bildungskonzept diesen Mangel an Konsequenz nicht aufwiegen.

Vittorio Lazaridis, Werner Wölfle

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