Lust auf Stadt. Bündnis 90/Die Grünen bei der Kommunalwahl Stuttgart 2009.
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Andreas G. Winter

Andreas G. Winter

Musikschulleiter
Jahrgang 1957

Persönliches

In Stuttgart geboren, immer wieder mal weg und dann wieder in Stuttgart, fühle ich mich dieser Stadt verbunden. Früh prägte mich eine Kulturlandschaft, die damals so kaum sonst in Europa zu finden war. Nach Schule und Studienzeit war ich neben einer regen Konzerttätigkeit über zehn Jahre Lehrbeauftragter an einer kommunalen Musikschule bei Stuttgart.

1989 gründete ich mit Kollegen die Freie Musikschule, die sich zum jetzigen Freien Musikzentrum auf dem Roser-Areal in Stuttgart-Feuerbach entwickelte. Neben dem Musikschulalltag mit Schülerinnen und Schülern von 4 bis 80 Jahren und vom Anfänger bis zur Vorbereitung auf die Musikhochschule bietet das FMZ herausragende Konzerte mit Stars des klassischen Konzertlebens. Daneben bietet das „Podium junger Künstler“ Auftrittsmöglichkeiten für Meisterstudenten der Musikhochschulen in Baden-Württemberg. Durch das im FMZ beheimatete Bürgerhaus Feuerbach liegt der besondere Reiz meiner Arbeit im Wirken zwischen dem Fenster zur Welt durch die Zusammenarbeit mit Künstlern und dem auf den Stadtteil bezogenen bürgerschaftlichen Engagement sowie zwischen Weltelite und Breitenförderung der Jugend, wie zum Beispiel dem Wettbewerb „open stage“, der wieder dieses Jahr zur Feuerbacher Kulturnacht für Bands stattfindet.

Hätte man mich noch vor zehn Jahren gefragt, in die Politik zu gehen … Beruflich hatte ich, auch durch meine Arbeit im Deutschen Tonkünstlerverband, immer wieder mit Politik zu tun. Als ich dann 2004 gefragt wurde, ob ich nicht auch Verantwortung übernehmen wollte, sagte ich JA. Nach drei Jahren Ersatzspielbank rückte ich Ende 2007 nach. Jetzt, nach eineinhalb Jahren, habe ich mich eingelebt in diesen Gemeinderat und sehe immer klarer, für welche Inhalte ich stehen möchte und denke auch, dass mein Blickwinkel, auch geprägt durch meinen Beruf, wichtig ist für solch ein Gremium. In diesem Sinne werbe ich um jede Stimme. Auf den folgenden Seiten finden Sie einige Gedanken zu meiner politischen Arbeit. Wer mich näher kennen lernen möchte, dem biete ich gerne das Gespräch.

Politisches

Kultur

Mir geht es besonders um die Kulturstadt Stuttgart, um die etablierte Spitzenkunst genauso wie die neue und freie Szene – ich weiß, wovon ich rede – und eines meiner Hauptanliegen ist, die Kulturvermittlung und kulturelle Bildung wieder vermehrt in den Alltag zu bringen.

Aus der Arbeit des Ausschusses Kultur und Medien und aus den Erfahrungen mit den vorliegenden Kulturberichten heraus wurde der “Arbeitskreis Kulturvermittlung” ins Leben gerufen. Ich weiß aus meiner eigenen Arbeit in der Kultur um die Wichtigkeit der Kulturvermittlung gerade heute. Unter Kulturvermittlung verstehe ich ein umfangreiches Arbeitsgebiet, das bei der Öffentlichkeitsarbeit von Kulturangeboten anfängt, weiter geht über kulturelle Veranstaltungen im öffentlichen Raum, über ein umfassendes Bekenntnis der Landeshauptstadt Stuttgart zur Kultur bis hin zu kulturvermittelnden Ansätzen, wie sie im Bereich der Bildenden Kunst bereits geschehen. Künstlerinnen und Künstler haben die Wichtigkeit dieses Ansatzes schon längst verstanden und sind bereit, an Schulen und Bildungseinrichtungen zu gehen. Wir fördern im Freien Musikzentrum bereits diese Anstrengungen und werben nachhaltig dafür, in diesem Bereich nichts unversucht zu lassen.

Musik und Bildung

Kinder sind früh für Musik empfänglich. Die Beschäftigung mit Musik wirkt sich positiv auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus. Musikalische Erziehung für alle Kinder vom Kindergarten an ist daher für die Grünen von großer Bedeutung. Wir fordern musikalische Angebote im Kindergarten und an den Grundschulen bzw. in den Ganztagesbetreuungen. Dies kann und muss jeweils altersgemäß mit musikalischer Früherziehung beginnen und bis zu Musiktheaterprojekten unter ganzheitlicher Einbeziehung von Bildender Kunst im Kulissenbau und Bühnenbild, Schauspiel, Tanz und Musik für Jugendliche geschehen. Die im letzten Haushalt verbesserte Ausstattung der Musikschule sowie die erst kürzlich beschlossene Stelle zu einer Kooperation an einer Grundschule reichen da nicht aus. Da helfen auch die Ressourcen freier Träger weiter. Hier gibt es großartige Vorbilder, die leider von einer Flächendeckung weit entfernt sind. Neben dieser Breitenförderung muss Raum und Zeit für Spitzenförderung bleiben. Ganztagesschule muss dem Rechnung tragen durch Korridore für Hochbegabungen gerade in der Musik.

Wirtschaft

Außer im Ausschuss für Kultur und Medien bin ich im Wirtschaftsausschuss. Entgegen einer falschen, aber weit verbreiteten Annahme, grüne Politik hätte sich negativ auf Unternehmen ausgewirkt, betone ich immer wieder gerne, dass Innovation der beste Motor der Wirtschaftswelt ist. Wir Grüne haben hier einen wesentlichen Beitrag geleistet. Die Wachstumsmärkte der Zukunft sind dort, wo mit Ressourcen verantwortlich umgegangen wird. Der Mut, Ziele zu formulieren, die einstmals noch nicht mehrheitsfähig waren, hat sich gelohnt. Am Umweltschutz kommen die großen Volksparteien nicht mehr vorbei. Sie haben ihn zumindest virtuos auf Zunge. Mir soll es recht sein. Wenn der Wähler dann auch noch das Original wählen würde, die Freude wäre noch größer.

Aktuelles

Die schrecklichen Ereignisse von Winnenden führen uns die Verletzlichkeit unserer Gesellschaft vor Augen. Gewalt zu ächten, ist eine aktuelle gesellschaftliche Aufgabe. Kindern einen geschützten Raum wiederzugeben, war mir schon vor einiger Zeit ein Anliegen. Hier mein Artikel aus dem “Stadtblatt”.

Der Schutz des kindlichen Raums

In den ersten Jahren eines Kindes sind die Eltern der Dreh- und Angelpunkt kindlichen Lebens – aber auch in diesen ersten Jahren machen Kinder die grundlegendsten Erfahrungen für ihr Leben. Eine banale Binsenwahrheit und doch: Im Gerangel um bessere Bildung sollten wir uns dieser Wahrheit nicht verschließen. 25 Jahre nach der geistig-moralischen Wende Helmut Kohls konstatieren wir eine junge Generation, der selbst die alten 68er mit ihren Konzepten aus der Zeit vor der besagten Wende fassungslos gegenüberstehen. Zunächst einmal ist es das Privileg der „Alten“, dieser Fassungslosigkeit zu frönen – und doch, lassen wir dieses natürliche Phänomen beiseite, kommen wir nicht umhin, eine Entwicklung zu beschreiben, die Tabus wieder salonfähig macht und in die Kinderzimmer zurückbringt, die mühsam in einem jahrhundertelangen Prozess aus eben gerade jenen Zimmern verbannt wurden.

Doch der Reihe nach: Als in der Einraumbehausung im Mittelalter das Kind fassungslos der Vergewaltigung der Schwester durch den Cousin beiwohnte, erstaunt den Totschlag am Bruder mitbekam, die tagtägliche Sexualität der Eltern, die Konfliktlösung durch Gewalt als Normalität erlebte, wir hätten uns nicht gewundert. Mit dem Wandel des Bewusstseins, ausgelöst von einer kulturellen Entwicklung, die heute noch als Bollwerk gegen die oben zitierte „Wende“ begriffen werden kann und sollte, hat sich ein kindlicher Schutzraum entwickelt – gewissermaßen als Produkt der abendländischen Aufklärung. Große Pädagogen erkannten die Notwendigkeit dieses kindlichen Raums, und noch heute profitiert unsere Gesellschaft von dieser Entwicklung, die gemeinhin auch als Zivilisation verstanden wird.

Die Entwicklung des Privatfernsehens und die damit einhergehende Wettbewerbsanpassung der öffentlich-rechtlichen Sender der Republik weg vom Bildungsauftrag hin zu mehr platter Unterhaltung haben den ganzen Müll von Trivialität, Gewalt und Sexismus via eines Fernsehapparates in die Kinderzimmer geschmuggelt. Da sind wir wieder – o viel gelobtes Mittelalter, in dem Obrigkeit und Papst geachtet und die Welt in Ordnung schien, Brudermord und Hexenjagd, Schandpfahl und die Schadenfreude an der Tagesordnung waren. Die „Kinder“ der geistig-moralischen Wende fühlen es und empfehlen den Ausschaltknopf (von der Leyen) oder posaunen „Scheiß Privatfernsehen“ (Oettinger), nicht gerade fein, etwas feiertags- und moralingeprägt, aber in der Sache nicht gänzlich unrichtig. Wissenschaftlich differenzierter wird dies auch durch Untersuchungen der Harvard-University belegt, die den katastrophalen Einfluss des Fernsehens für die kindliche Entwicklung dokumentieren. Aber nicht nur das Was, sondern auch das Wie des Mediums Bildschirm ist es, was Kinder geistig verarmen lässt. Entstehen während des Hörens von Geschichten, dem Sehen, Fühlen, Schmecken und Riechen bei Spaziergängen Verbindungen einzelner Teile des Gehirns, also Wege und Verknüpfungen, die früh eingeebnet, später große Dienste leisten für das Denken und die Phantasie, werden beim Konsum fertiger audiovisueller Reize diese Verbindungen nicht gebraucht und damit nicht ausgebaut. Das klingt einfach und das ist es auch.

Was können wir nun tun? Rezepte gibt es, wie Ächtung der Gewalt, Schutz vor dieser Art Umweltverschmutzung, Boykott der Firmen, die in diesem Kontext werben usw.! Alles angehenswert, und wir Grüne haben darin Erfahrung und damit Erfolg gehabt. Der Schutz vor Dreck im Wasser und in der Luft ist auch mehrheitsfähig geworden. Um jedoch schnell diese Erkenntnisse in die Erziehung einfließen zu lassen, brauchen wir die Eltern. Sie sind es, die trotz Kindergarten und Schule den höchsten Anteil an der Erziehung und Bildung der nachfolgenden Generation haben. Und wir brauchen das Bollwerk Kultur gegen diese Einflüsse. So wie eine gute Esskultur bis jetzt noch diesbezüglich hochstehende Länder wie Frankreich und Italien vor den Folgen der Fastfoodentwicklung weit mehr schützen konnte, als andere Länder dies vermochten, konnte ein Kulturbewusstsein wie in Deutschland die Gesellschaft mehr vor Jugendkriminalität schützen als anderswo.

Trotzdem, auch bei uns ist sie angekommen, sicht- und spürbar, auch wenn wir noch von der amerikanischen Entwicklung weit entfernt sind, wo die häufigste Todesursache für Männer mittleren Alters ist, ermordet zu werden. So rechnet in den USA bereits jeder dritte Jugendliche damit, auf diese Art umzukommen. Na denn. Wenn wir jetzt erkennen, dass wir etwas tun müssen, Bildungspartnerschaften ausrufen, und das ist auch gut so, Unterausschüsse bilden, wenn´s was bringt, auch gut so, so brauchen wir Konzepte mit den und für die Eltern. Wir brauchen Sie und müssen uns gerade um die kümmern, die nicht von alleine kommen, die den Ausschaltknopf nicht finden (wollen) und die noch nicht wissen, was sie tun. Aktives Kümmern um die Kinder, Anleitung zum Selbsttun, weg von der bildschirmfixierten Reaktion zur Aktion. Simple Übungen, wie Geschirrspülen und Abtrocknen, heute fast vergessene Fähigkeiten, sind die besten Rezepte für die Feinmotorik und für behutsamen Umgang mit wertvollen Dingen. Aber sie kosten Zeit.

“One week no media” war ein gelungenes Projekt einer Schule, das Schule machen sollte. Und Zeit war auch plötzlich wieder da. Auch für Erwachsene gut.

Stadtteil

Ich lebe seit einigen Jahren in Feuerbach und arbeite auch hier im und für den Stadtteil. Ich wohne gerne in Feuerbach und fühle mich aber auch ganz als Stuttgarter. Ich kenne die Stadt gut und bin öfters von einem in den anderen Stadtteil umgezogen. Von Stuttgart-Mitte nach Degerloch, dann raus aus Stuttgart ins schöne Tessin, nach Oberschwaben, dann nach Österreich und bald wieder nach Stuttgart, an den Killesberg, in den Westen und dann nach Feuerbach. Wer hätte das gedacht. Ich genieße die Stadt mit den kulturellen Angeboten zwischen Staatstheater und Liederhalle, die Restaurants, den Stuttgarter Wein, ja auch den manchmal. Ich würde mir wünschen, dass Stuttgart bei Beibehaltung des Charmes der einzelnen Stadtteile noch mehr zusammenwachsen könnte.

Basisdebatten im Erdgeschoss