
von Andreas G. Winter 29.05.09, 02:06 Uhr
In „Wut“, der Bühnenfassung von Volker Lösch des gleichnamigen Films trifft geballte Kraft den Zuschauer. Die Rolle des Can von einem 15köpfigen Chor männlicher Jugendlicher mit Wurzeln aus aller Herren Länder spielen zu lassen, hebt die Rolle auf eine unglaubliche Eindringlichkeit und Stärke an und gibt der Rolle gleichermaßen Individualität und Authentizität durch solistische Skandierungen eigener Demütigungen. Die Einzelmitglieder des Chores, allesamt Laiendarsteller, haben Wochen und Monate mit am Ende ganztägigen Proben zugebracht.
Das ganze Theater wird zur Bühne und das Publikum mitten drin, wenn die Welt der Familie des ach so aufgeklärten und toleranten Literaturwissenschaftlers als eigentlich neuer intellektueller Typus Biedermann zwischen Schlagzeug und Beethovens erster Klaviersonate schwankend mit Sohn Felix als Binde- und Konfliktglied auf die türkische Parallelwelt trifft. Und wie stark gelingt es in dieser Inszenierung, die beiden Welten erlebbar zu machen. Am Schluss dann das Theater im Theater, klassische Kastenbühne in rosafarbener heiler Welt, in der die türkische Putzfrau (natürlich auch in rosa) auf wundersame Weise integriert wird und das Finale der Erschießung gleich 15 mal, die eingedrungen Cans erschossen im rosa Raum und die Familie wieder unten auf der Vorbühne.
Natürlich ist es Aufgabe des Theaters zu überzeichnen und manchmal werden Klischees bedient. Und man kann fragen, werden nicht Vorurteile gleichzeitig bedient, gegen die wir doch in den Köpfen unserer Gesellschaft ankämpfen. Doch wie, wenn plötzlich, wie in der gestrigen Aufführung bzw. bei der anschließenden Diskussion eine Mutter sich zu Wort meldet und sagt, es war nicht überzeichnet und es war genauso, wie ihr Junge damals brutal zusammengeschlagen wurde. Die Polizei wurde eingeschaltet und tatsächlich, es kam zu einer Verhandlung. Noch heute wird ihr Sohn darauf angesprochen und erlebt noch eine gewisse Bedrohung. Da wird es kurz ganz still im Foyer.
Das Stück weist keinen Weg aus dieser Welt und ist als Projekt eben doch einer. Wie sagte ein junger Zuschauer des in jeder Beziehung unglaublich gemischten Publikums: „Es ist wichtig, es zu sehen und darüber zu sprechen.“ Und die 15 Darsteller werden diese Zeit wohl nie vergessen. Was fällt mir an dieser Stelle politisch dazu ein? Viel, sicher. Doch nach diesem Stück ist irgendwie keine Zeit dafür. Und Patentrezepte liegen mir nicht und schon gleich keine Weisheiten aus dem Wahlprogramm.
Bleibt mir nur noch, die Aufführungstermine der nächsten Vorstellung von „Wut“ im Kleinen Haus der Staatstheater aufzulisten: 4., 18. und 27. Juni, am 18. Juni wieder mit anschließender Publikumsdiskussion.
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