
von Clarissa Seitz 01.06.09, 16:49 Uhr
Stuttgart 21 ist kein Projekt für Radfahrer!
Bei der Diskussion über die negativen Auswirkungen von Stuttgart 21 wurde die Situation der Radfahrer und Radfahrerinnen bisher zu wenig betrachtet.
Das haben ADFC Kreisverband Stuttgart, die Radgruppe der Naturfreunde Stuttgart und der Verkehrsclub Deutschland Kreisverband Stuttgart mit einem Positionspapier nachgeholt.
Leider wurden die schlüssigen Argumente von den Stuttgarter Medien bisher ignoriert.
Im folgenden Text sind die Positionen der Radverbände aufgeführt:
Stuttgart 21 ist kein Projekt für Radfahrer!
Der ADFC Kreisverband Stuttgart, die Naturfreunde Radgruppe Stuttgart und der Verkehrsclub Deutschland Kreisverband Stuttgart sprechen sich gemeinsam und einhellig gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 mit Tieflage des Hauptbahnhofes aus. Dessen Nachteile gegenüber dem eben zugänglichen Kopfbahnhof sind erheblich.
Neben der grundsätzlichen Kritik an Stuttgart 21 mit Aufgabe eines integralen Taktfahrplans und mit den immens hohen, ungedeckten Kosten sind es aus Sicht der Radfahrer vor allem folgende Argumente, die gegen Stuttgart 21 sprechen:
1. Mit Stuttgart 21 werden bis zu 8,7 Mrd Euro an Finanzmittel gebunden, die unter anderem auch für einen sinnvollen Ausbau des Nahverkehrs oder der Radwege in der Stadt und der Region fehlen. Das Land Baden-Württemberg hat jetzt schon den Nahverkehr reduziert und möchte auch in Zukunft hierfür weniger Geld ausgeben, um die hohen Kosten von Stuttgart 21 finanzieren zu können. Auch werden für die Neubaustrecken im Tunnel deutlich höhere Trassenpreise verlangt werden.
2. Die Bahnsteige beim Stuttgart-21-Hauptbahnhof in Tieflage sind für Radler nur über Rolltreppen und Aufzüge zugänglich. Wer vergleichbare Bahnhöfe kennt, weiß, wie oft Aufzüge oder Rolltreppen nicht funktionieren und dass es für Radfahrer mit oder ohne Gepäck schwierig oder unmöglich ist, damit den Bahnsteig zu erreichen. Dies stellt einen ganz wesentlichen Nachteil gegenüber dem ebenen Zugang bei dem bestehenden Kopfbahnhof dar.
3. Diese eingeschränkte Erreichbarkeit der Züge trifft nicht nur die Radfahrer, welche in Stuttgart zusteigen, sondern auch diejenigen, die in Stuttgart auf einen anderen Bahnsteig umsteigen müssen.
4. Die geplanten vier Bahnsteige bei Stuttgart 21 sind neben Treppenanlagen, Rolltreppen und Stützen mit 2,04 m (ca. 1,20 m bis zum weißen Band) so eng, dass es schon beim Begegnen bzw. beim Vorbeigehen an wartenden Fahrgästen zu Problemen kommt. Sind mehrere Fahrräder unterwegs oder begegnen sich Radler mit Rollstuhlfahrern oder Kinderwägen, ist ein rücksichtsvolles und gefahrloses Durchkommen nicht mehr möglich.
5. Der Flughafenbahnhof bei Stuttgart 21 liegt 26 m unter der Erde und ist ebenfalls nur mit Aufzügen bzw. über 5 Rolltreppen für Radler schwer erreichbar.
6. Bei den kurzen Wartezeiten in einem Durchgangsbahnhof wird das Suchen des Fahrradabteils zu einer hektischen Angelegenheit, mit Kindern kaum machbar. Regionalzüge sollen bei Stuttgart 21 eine durchschnittliche Haltezeit von 1 Minute haben, was für eine Verladung von Reiserädern Wahnsinn ist. Beim Kopfbahnhof dagegen werden Züge zum Teil schon lange vor der Abfahrt bereitgestellt, man kann so bequem am Zug entlang gehen, bis man ein freies Abteil bzw. das Radabteil gefunden hat.
7. Stuttgart 21 und die Neubaustrecke zum Flughafen und nach Ulm sind Projekte für den schnellen ICE-Verkehr, bei dem die Fahrradmitnahme nach wie vor nicht geduldet wird. Es ist zu befürchten, dass eine weitere IC-Ausdünnung zu Gunsten des ICE stattfinden wird.
8. Mit Stuttgart 21 wird ein weiterer Ausbau des S-Bahn-Netzes, wie es das Konzept „tangenS“ des VCD vorsieht, aufgegeben. Verbesserungen im S-Bahn-Verkehr in Stuttgart (wie z.B. der Ausbau der Gäubahntrasse für die S-Bahn) sind dann nicht mehr möglich. Somit wird es auch keine verbesserte Fahrradmitnahme in den S-Bahn-Zügen geben.
9. Die bestehende Radwegeverbindung Königstraße – Mittlerer Schlossgarten wird durch den quer liegenden Bahnhof deutlich erschwert. Zwar sieht die Planung die Weiterführung vom Ferdinand-Leitner-Steg in den Schlossgarten vor, eine barrierefreie Wegeverbindung zwischen Schlossgarten und Königstraße (in Verlängerung der Königstraße) wie heute wird es aber nicht mehr geben. Vorprogrammiert sind Behinderungen in diesem Bereich durch langjährige Bautätigkeiten. Die ursprünglich angedachte Aufgabe der Schillerstraße wird nicht mehr diskutiert.
10. Während der Bauzeit des Tiefbahnhofes wird es Behinderungen durch Baustellen im gesamten Stadtzentrum auch für Fahrradfahrer geben. Die Bauzeit beträgt rund 12 Jahre.
Alle aufgeführten Argumente gegen die Tieflage des Hauptbahnhofes gelten in gleichem Maß für Rollstuhlfahrer oder Menschen, die auf ähnliche Gehhilfen angewiesen sind und für die Zugänglichkeit
mit Kinderwägen. Auch für diese ist der barrierefreie Kopfbahnhof die eindeutig bevorzugte Lösung.
Statt Stuttgart 21 fordern die Unterzeichner den Umbau des Kopfbahnhofes entsprechend dem Alternativkonzept Kopfbahnhof 21 mit ebenem Zugang zu den Zügen.
Gudrun Zühlke für den ADFC KV Stuttgart
Peter Pipiorke für die Naturfreunde Radgruppe Stuttgart
Christoph Link für den VCD KV Stuttgart
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