
Vor wenigen Wochen wurde Richtfest der Bibliothek gefeiert. Der 79 Mio. EUR teure städtebauliche Leuchtturm soll am 24.10.2011 seine Tore öffnen und zum beliebten Treffpunkt von Lesern, lebenslang Lernender und Usern digitaler Medien werden. Dieser Magnet soll Mittelpunkt eines Viertels hinter dem Hauptbahnhof sein. Noch zeichnet sich nicht ab, ob dieser Plan aufgeht. Denn der „Markstein“ wird über viele lange Jahre von einer öden Brachenlandschaft umrundet bleiben.
Von Teilen der Verwaltung war die Hoffnung geschürt worden, dass der Bebauungsplan nach dem Oktober 2010 seine Gültigkeit verliert, weil dann sieben Jahre verstrichen sind, in denen kein Bauantrag gestellt wurde. Dass die Bahn der Stadt diesen Gefallen nicht tun wird, war aber zu erwarten – mit den 90 Mio. EUR, die sie für diese Flächen erlösen will, steht zu viel Geld auf dem Spiel. Mittlerweile hat sie eine Bauvoranfrage eingereicht, und auch die Projektgesellschaft ECE, die seit geraumer Zeit als Investorin im Gespräch ist, hält die Ankündigung einer erneuten Bauvoranfrage aufrecht.
Wir Grünen wollen keine Verlängerung des leblosen Bankenviertels. Die Renditeerwartungen der Bahn AG dürfen nicht dazu führen, dass die Monokultur zementiert wird. Wir haben das Interesse, aus dem citynahen Quartier einen lebendigen Stadtteil entstehen zu lassen. Vielfältige Nutzungen und Durchmischungen von Wohnungen, Restaurants und Dienstleistern sollen den urbanen Charakter des Viertels prägen. Läden und Cafés in den Erdgeschossen sollen für Leben schon frühmorgens und auch noch spät abends sorgen. So schaffen die Straßen und Plätze Möglichkeiten der Begegnung und erzeugen Lebensqualität.
Für ein modernes, urbanes Stadtviertel ist aber der gegenwärtig vorgesehene Wohnanteil von lediglich 20 Prozent nicht hinreichend. Um einen echten Qualitätswandel auf dieser Fläche herbeizuführen, muss der Gemeinderat daher ein deutliches Signal an potentielle Investoren aussenden, dass ein deutlich höherer Wohnanteil erwartet wird – Büros gibt es in der Stadt schon in ausreichender Zahl. Und über die Bedenken gegenüber einem großen Einkaufszentrum wurde bereits viel diskutiert. Die Einschätzung, dass die bisher für den Handel diskutierte Flächengröße für die Stadtentwicklung unverträglich sei, wurde dabei deutlich.
Die derzeitige Rechtslage würde aber eine Verkaufsfläche von nahezu 50.000 Quadratmeter ermöglichen. Das halten wir unter keinen Umständen für akzeptabel.
Der Gemeinderat hält fest, dass bei der Herstellung eines Einvernehmens mit einem Investor folgende Punkte Erfolg versprechend sind:
1. Der Wohnanteil muss bei 50 Prozent der Gesamt-Nutzfläche liegen.
2. Die Zahl der Stellplätze muss die Lage nahe am Bahnhof und an der künftigen Stadtbahn U12 berücksichtigen. Die Stellplatzzahl kann daher auf 30 Prozent gekürzt werden.
3. Eine Verkaufsfläche von fast 50.000 Quadratmeter ist nicht akzeptabel. Vertretbar sind max. 35.000 Quadratmeter nur in dem Fall, dass neue, in Stuttgart bisher nicht oder unterdurchschnittlich repräsentierte Einzelhandelssegmente hinzukommen, wie z.B. Möbelhandel.
4. Die Architektur muss neben ästhetischen auch höchste ökologische Ansprüche erfüllen. Wichtige städtebauliche Sichtbeziehungen dürfen nicht gestört werden.
Die Verkaufsfläche ist auf mindestens drei Baukörper zu verteilen. Die Verkaufsflächen dürfen nicht in einer geschlossenen Shopping-Mall liegen, stattdessen sind die Gebäude nach außen zu „öffnen“. Auf die Planung der Erdgeschoss-Nutzungen ist besonderes Gewicht zu legen, da sie für das Leben in dem neuen Stadtviertel entscheidend sind.
Maßnahmen für den Klimaschutz wie energieneutrale Neubauten oder eine verkehrsreduzierende Erschließung des durch den ÖPNV bestens angeschlossenen Gebietes sollen erwogen werden. Für ein gutes Mikroklima sollen möglichst wenig Flächen versiegelt, Dächer begrünt und das Regenwasser möglichst als Grauwasser genutzt, aber mindestens über Rinnen und Versickerungsflächen (Bsp. Scharnhäuser Park) abgeführt werden.
5. Angebote der Kinderbetreuung sind in den Planungen vorzusehen. Weitere Gemeinbedarfsflächen, z.B. Kinderspiel- und Sportplätze sind zu planen.
6. Ideen, wie sich aus der Nähe zur Bibliothek weitere Nutzungen der Bildung und Fortbildung integrieren lassen, sind erwünscht.
7. Vorstellbar ist zudem, dass ein Investor sein Interesse an einem urbanen Stadtviertel hinter dem Hauptbahnhof auch durch seinen Beitrag an der aus Kostengründen gestrichenen Wasserfläche – und damit der Aufwertung und Belebung des Platzes rund um die Bibliothek – bekundet.
Werner Wölfle, Michael Kienzle, Muhterem Aras